Mädchen

Darum sollten wir nach Paris nicht weitermachen wie bisher

Es ist Montag. Der Montag nach Paris. Und wir machen jetzt bitte weiter wie zuvor. Wir quälen uns aus dem Bett, es ist zu dunkel und zu kalt. Wir schleppen uns zur Arbeit, wir haben keine Lust, es ist alles so banal, aber was soll man machen. 

Wir sind genervt von unseren Mitmenschen im ÖPNV, sie riechen und sie atmen und treten uns auf die Füße. Es regnet und die Bäume sind hässlich. Wir sitzen in Meetings und wenn wir was spüren, dann die Sekunden. 

Wir sind auf Twitter und auf Facebook und lesen von Hass und Liebe, von Opfern und Tätern, von Krieg und Terror, von Angst und Verwirrung, vielleicht tippen wir ein paar Sätze, färben unser Profilbild in der französischen Trikolore und irgendwann gehen wir nach Hause und sehen Bilder von Gewalt und dann sitzen wir da und bewegen uns nicht.

Überforderung und Ohnmacht

Wir wollen sie nicht mehr sehen, diese Bilder. Wir wollen sie nicht mehr lesen, diese Nachrichten. Es überfordert uns, es ist alles so schwer und zäh und so irrsinnig komplex und so unendlich hoffnungslos. Die Welt ist ein furchtbarer, grauenvoller Ort, selbst die Vorratsdatenspeicherung wirkt nicht, die Mächtigen wirken machtlos und es gibt nichts, was wir dagegen, gegen all das, tun können.

Also machen wir einfach weiter wie zuvor. Wir gucken Netflix und schlafen schlecht und morgen wird der Wecker klingeln und wir uns aus dem Bett quälen, es wird zu dunkel sein und zu kalt und die Toten von Paris immer noch tot.

Wollen wir so sein? 

Wollen wir so leben? Können wir wirklich nichts tun? Wollen wir einfach aufgeben und die Tür zumachen und einen ganzen Becher Eis essen und uns immer öfter ein bisschen betrinken und hoffen, dass es irgendwann, irgendwie vorbeigeht?

Dabei sind wir doch die Lösung.

Was wir können

Wir können uns stellen. Unserer eigenen Angst und Ohnmacht, der Komplexität und den Problemen der Welt und uns einfach weigern, davor zu kapitulieren.

Wir können reden. Uns auseinandersetzen mit den Menschen, die der Angst nachgeben und einfache Lösungen suchen, die es nicht gibt und wenn, dann sind sie nicht echt und so gefährlich, wie sie es schon immer waren. Auch, wenn das anstrengend ist.

Wir können auf unsere Gedanken aufpassen. Denn unsere Gedanken formen unsere Worte und unsere Worte unsere Taten. Wir entscheiden, wie wir unseren Mitmenschen begegnen – ablehnend und ängstlich oder freundlich, friedlich und offen. Und das beginnt in unseren Köpfen.

Wir können unseren über Jahre sorgsam gepflegten Schutz-Zynismus die Toilette runterspülen und versuchen, zu lächeln. Auch wenn es schwer fällt, seit Jahren schon immer mehr und gerade jetzt.

Wir können auch versuchen, die Menschen im ÖPNV nicht mehr zu verabscheuen, einfach, weil sie da sind. Denn auf solchem Boden keimt der Hass.

Wir können helfen. Denjenigen, die vor Krieg und Terror geflohen sind. Oder für den Anfang vielleicht der Oma mit dem Rollator oder dem Mann ohne Brot oder dem Nachbarn oder auch nur den Kollegen.

Der Rückzug ins Private hilft uns nicht. Wir können – wir müssen! – aus unseren Kokons kriechen und einfach glauben, dass wir einen Unterschied machen. Jeder von uns. 

Wir müssen es wenigstens versuchen. 

Wie gehst du mit der Angst um?

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Titelbild via Stocksnap

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: